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Blockchain 2.0: Interview mit Bastian Spielmann – Consensus Analytics

blockchain 2.0Die Blockchain 2.0 – Technologie ist zur Zeit in aller Munde. Counterparty und Ethereum liefern sich ein Kopf-an-Kopf – Rennen und Vitalik Buterin, der Entwickler von Ethereum, erhielt erst kürzlich den World-Technology-Award für sein Blockchain 2.0 – Projekt.

Doch was steckt hinter dieser Technologie, die als größte technische Entwicklung des 21. Jahrhunderts bezeichnet wird? BTC – Germany hatte die Gelegenheit mit Bastian Spielmann über diese Technologie zu sprechen. 

Bastian Spielmann hat Politikwissenschaften und Wirtschaftssoziologie in München studiert. Beim Bitcoin Meetup in München am 28. August 2014 hielt er bereits einen Vortrag über „Bitcoin 2.0 – Myths and Reality“. Auf seiner Webseite Consensus Analytics analysiert er die Nutzungsmöglichkeiten der Blockchain – Technologie.

Bastian, was versteht man unter Bitcoin 2.0 / Blockchain 2.0?

Bitcoin ist noch jung und es gibt noch keinen Diskurs mit einheitlichen Begrifflichkeiten. Es fehlt ein konsensfähiger analytischer Rahmen, um Aussagen über den innovativen Kern, das praktische Potential, Limitierungen oder die Sinnhaftigkeit bestimmter Protokollspezifikationen machen zu können. Es besteht keine Einigkeit über die Definition des Begriffes „Bitcoin 2.0“.

Meist werden mit dem Begriff „Bitcoin 2.0″ Projekte bzw. diesen zugrundeliegende Protokolle bezeichnet, welche die technische Innovation, die Bitcoin ermöglicht hat, auf andere Anwendungen (als die Geld-Anwendung Bitcoin’s) übertragen. Der Begriff „Bitcoin 2.0″ kann aber leicht in die Irre führen, da er als Hinweise auf ein verbessertes Bitcoin-Netzwerk mit dem gleichen Zweck (Geld-Funktion) interpretiert werden könnte. Genau das Gegenteil aber ist gemeint, d.h. die Technologie, die auch bei Bitcoin zur Anwendung kommt, ist eine ähnliche aber die Zwecke / Anwendungen, die damit realisiert werden sollen, sind andere. Um eine solche Fehlinterpretation zu vermeiden, habe ich in meinem Aufsatz den Begriff „Blockchain 2.0″ verwendet. Er ist weniger plakativ aber zutreffender.

 Um zu verstehen, worin die Innovation besteht, die 2009 zum ersten mal durch Bitcoin implementiert worden ist, muss man Abstand nehmen, von den Analogien, die oft verwendet werden, um Bitcoin zu beschreiben – v.a. von „Bitcoin als Währung“. Auf einer funktionellen Ebene ermöglicht „Blockchain Technologie“ etwas das man als „dezentrale Buchführung“ bezeichnen könnte, d.h. dass das Buch (engl. ledger), in dem festgehalten wird, wem (welchem Account) was gehört, auf alle Computer im (Bitcoin-)Netzwerk verteilt ist. Die Herausforderung besteht darin, einen Konsens darüber herzustellen, welche Version des Buches die maßgebliche ist, ohne auf eine zentrale „Entscheider-Autorität“ angewiesen zu sein. Oft wird im Falle von Bitcoin davon ausgegangen, dass keinerlei Vertrauen in eine oder mehrere Autoritäten notwendig ist, was unter den allermeisten Bedingungen, aber nicht immer, zutrifft. Wir werden sicher die Zeit finden, das ein andermal ausführlicher zu diskutieren.

Welche Vorteile bringt diese Technologie mit sich? Overstock.com will Aktien über eine Blockchain ausgeben. Ist das die Zukunft? Aktien nicht mehr über eine zentrale Börse verkaufen, sondern über eine Blockchain.

 Die oben beschriebene „dezentralen Buchführung“ kann überall sinnvoll angewandt werden, wo Buchführung (ownership tracking) notwendig ist und die beteiligten Parteien einander nicht vertrauen wollen/können.
Mit „beteiligten Parteien“ sind hier die Nutzer sowie all die Mittelsmänner gemeint, die heute notwendig sind, um Eigentum zu übertragen, das sind Banken, Kreditkartenunternehmen, Börsen, Makler etc. Zum einen können diese Parteien das Eigentum (aus Unfähigkeit oder kriminellen Motiven) veruntreuen und zum anderen kosten deren Dienstleistungen.

Die Blockchain Technologie leistet hier zwei Dinge: Zum einen behalten Eigentümer die Kontrolle über ihre Eigentum – das Eigentum muss niemandem anvertraut werden – weshalb die angesprochene Veruntreuung kein Thema mehr ist. Es ist daher auch kein Vertrags- und Vertrauensverhältnis zwischen Eigentümern und Mittelsmann mehr notwendig. Zum anderen obliegt die Prozessierung der Transaktionen nicht einer zentralen Entität, sondern einem Netzwerk von Parteien, die durch eine Anreizstruktur zusammengehalten werden, so dass strategische Entscheidungen (inkl. der Möglichkeit bestimmte Nutzer auszuschließen, Veränderungen auf Protokollebene, Entscheidungen über die Gültigkeit verschiedener „chains“ im Falle einer „fork“) statt einer zentralisierten Institution dem Mehrheitskonsens des Netzwerkes obliegen. Eine detailliertere Betrachtung wäre hier notwendig, um public-ledger basierte aber zentralisierte Systeme wie Ripple von „dezentralen“ blockchain-basierten System wie Bitcoin zu unterscheiden.

Beispiele von „Eigentum“ das auf einer Blockchain ausgegeben und gehandelt werden kann sind: Geld (d.h. Werteinheiten, die Geldfunktion haben), Aktien, Anleihen, Eigentumstitel, im Allgemeinen jeder Anspruch auf Eigentum, der heutzutage durch Verträge bzw. im Falle von Geld durch gesellschaftlichen Konsens, geregelt wird. Wird das Eigentum mit Hilfe einer Blockchain verwaltet, muss der Anspruch nach wie vor beim Schuldner geltend gemacht werden, jedoch ist kein Mittelsmann notwendig, um diese Ansprüche und die Übertragung zu realisieren. Ein Beispiel: Gibt heute der deutsche Staat Staatsanleihen aus und ich kaufe diese, dann werden diese für mich von meiner Bank (als Sondervermögen) verwaltet. Die Bank kontrolliert also, was der Staat mir schuldet. Wenn ich meine Staatsanleihen verkaufen möchte, wird diese Schuld von mindestens einem weiteren Mittelsmann übernommen (insbesondere von einem sogenanntem Clearinghaus) und zu einem neuen Gläubiger bzw. dessen Bank übertragen. Würde der Staat Staatsanleihen über eine Blockchain ausgeben und ich diese kaufen, schuldet der Staat mir die Kaufsumme plus Zinsen. Wenn ich diese Schuld übertragen will, kann ich dies direkt „über die blockchain“ tun ohne auf einen weiteren Mittelsmann (Bank, Clearinghaus, Makler) angewiesen zu sein. Die Schuld wird direkt von mir zu einer weiteren Partei übertragen.

 Unter all den oben genannten Eigentumsformen nimmt Geld eine Sonderrolle ein, da blockchain-tokens („bitcoins“ sind ein Beispiel für solche tokens) nur in ihrer Funktion als Geld keine Gegenpartei (counterparty) haben. Bei allen anderen genannten Eigentumsformen wird nur der Schuldanspruch besessen und gehandelt (auch Aktien stellen eine Schuld im weiteren Sinne dar. Es besteht Anspruch auf Dividenden und Liquidierungserlöse).

Die technologische und konzeptionelle Entwicklung der Technologie und noch mehr der Diskurs, um diese Entwicklung einzuordnen, stehen erst an ihrem Anfang. Ich bin dennoch davon überzeugt, dass wir in 10 Jahren Eigentum mit Hilfe dieser Technologie übertragen und nachweisen werden. Blockchain Technologie könnte sowohl das Clearing (Garantieren der Zahlungsfähigkeit beider Handelsparteien bis zum Zeitpunkt des Settlements) als auch den Settlement Prozess (rechtliche Umschreibung der Verträge, die das Eigentum regeln) überflüssig machen, da schlicht keine vertraglich geregelte Schuld und kein Ausfallrisiko besteht.

 Welche Nachteile hat diese Technologie?

Kein System ist ohne Nachteile. Nachteil Nummer Eins ist die Verantwortung des Eigentümers den „private key“
(~das Passwort zu einem Account) sicher zu verwalten. Der „private key“ ermöglicht sowohl den Nachweis Eigentümer einer Sache zu sein also auch die Übertagen des Eigentums. Da es keine vertraglichen Verhältnisse sondern nur Passwörter, auf die niemand außer der Eigentümer Zugriff hat, gibt, gibt es auch keine Partei, die für den Verlust des „private keys“ und der damit verbundenen Eigentumsrechte aufkommen könnte.

Dezentrale Buchführung ist u.a. dadurch definiert, dass jeder, der gewisse objektive Kriterien erfüllt, an der Herstellung des Konsens über die maßgebliche Version des Buches mitwirken kann. Damit Betrug (z.B. durch eine Revision meiner Transaktion nachdem ich die Wahre erhalten habe („double-spend attack“)) möglichst kostspielig ist, ist ein Anreizsystem notwendig, das alle am Konsensus-Prozess Beteiligten dazu zwingt „ehrlich“ zu sein. So ein Anreizsystem kann sehr kostspielig oder zu wenig wirksam sein. Das Verhältnis von Kosten und Sicherheit kann, je nachdem welche spezifische Blockchain Technologie angewandt wird, sehr unterschiedlich sein.

Was sind die bekanntesten Vertreter und was zeichnet diese aus?

Ene Auswahl zu treffen ist natürlich immer problematisch, besonders wenn noch schwer abzusehen ist, welcher Ansatz sich letztlich durchsetzen wird. Die prominentesten Projekte, die der Blockchain/Bitcoin 2.0 Definition aus Frage (1) folgen, sind BitShares, Counterparty, Ethereum, Mastercoin und Nextcoin. Ich werde exemplarisch auf die ersten drei näher eingehen:

BitShares setzt auf delegated proof of stake (DPOS), eine proof-of-stake Variante bei der die „block producer“ (delegates), die für die Sicherheit des Netzwerkes verantwortlich sind, von den „Eigentümern“ der das „BitShares Buch“ definierenden tokens (BTS) gewählt werden. BitShares nutzt nicht die Bitcoin Blockchain sondern eine eigene, auf DPOS basierende Blockchain. Ein zentrales Feature sind market pegged assets (auch „BitAssets“) – Derivate, die sich wie jede andere Cryptowährung verhalten aber an den Preis eines Basiswertes gekopplet sind. Der Basiswert kann z.B. der Preis einer Feinunze Gold, gemessen in BTS oder der Preis eines Euro in BTS sein. Das Innovative an dieser Art von Crypto Währung ist, dass es keinen zentralen Herausgeber eines BitAssets gibt, der den Wert des BitAssets garantiert, indem er garantiert, jederzeit BitAssets gegen das zugrundeliegende Asset einzutauschen. BitAssets erhalten ihre Wertkopplung an das zugrundeliegende Asset durch ein blockchain basiertes System, in dem Markteilnehmer durch Differenzkontrakte und einen price feed die Wertkopplung herstellen. Dabei handelt es sich nicht um Kontrakte bzw. Verträge im rechtlichen Sinne: Das Netzwerk setzt die unzweideutig definierten Regeln um, die durch die Open Source Software vorgegeben sind. Die Quelloffenheit erlaubt es dem Nutzer diese Regeln vor dem Gebrauch der Software einzusehen. Market pegged assets können für Endverbraucher (e-commerce, payment) sowie für Trader oder Individuen interessant sein, die ein bestimmtes Risiko absichern wollen.

Ethereum ist ein ambitioniertes Projekt, das sich derzeit noch in der Entwicklung befindet. Die grundlegende Idee ist eine Blockchain bereitzustellen, die Entwickler und Privatpersonen nutzen können, um eigene Applikationen und „smart contracts“ mit Hilfe einer eingebauten Skriptprache zu schreiben. Das ist vor allem für sogenannte „smart contracts“ und für die Kombination von „smart contract“ und „dezentraler Applikation“ interessant, wobei sich zwei oder mehrere Parteien auf bestimmte Bedingungen einigen unter denen Geld (in diesem Fall eine „Krypto-Währung“) neu unter den beteiligten Parteien verteilt wird. Es können verschiedene Parameter festgelegt werden, z.B. eine zeitliche Begrenzungen bis wann das in den Vertrag eingezahlte Geld für den Vertragsmechanismus verfügbar ist oder unter welchen Bedingungen der Vertrag aktiv wird (z.B.: werden innerhalb von einem Monat nicht 50,000 € in Form einer Crytpo-Währung eingezahlt, wird der „Blockchain-Vertrag“ nicht aktiv und alle Parteien, die bis dahin eingezahlt haben, bekommen ihr Geld zurück). Um über den Ausgang der Vertragsvereinbarung entscheiden zu können, ist es notwendig diese Entscheidung entweder einer dritten neutralen Partei oder einem automatisierten „Orakel“ zu übertragen. Ein „Orakel“ kann Auskunft über quantifizierbare Vertragsgegenstände geben (z.B. Aktienkurs der Siemens AG, Frankfurter Börse, 01.01.2015, 12.00 Uhr). Bei subjektiven, nicht quantifizierbaren Vertragsgegenständen (z.B. ist die vereinbarte Dienstleitung erfüllt worden oder nicht?) muss, im Falle eines Wiederspruches eine neutrale, vermittelnde Partei, auf die sich alle Vertragsparteien bei Vertragsabschluss einigen, entscheiden wer Recht bekommt. Im Unterschied zur heute existierenden Umsetzung von Verträgen müssen sich die Vertragsparteien weder auf die Zahlungsfähigkeit der jeweils anderen Partei verlassen noch muss das Geld einer dritten Partei anvertraut werden, die es veruntreuen könnte. Die angesprochene neutrale dritte Partei kann lediglich entscheiden, wem das Geld zugewiesen wird. Der Vermittler müsste von einer der beiden Parteien erfolgreich korrumpiert werden, um das Geldes unrechtmäßig zu bekommen. Im Falle eines Orakels vertraut man dessen Echtheit, auch hier gibt es keinen Mittelsmann der Gelder veruntreuen könnte bis der Vertrag von allen Seiten erfüllt ist.

Counterparty ist die derzeit prominenteste „colored coins application“. Der Begriff „colored coins“ beschreibt das Prinzip von einem Dritten herausgegebene tokens mit Hilfe einer Blockchain zu verwalten und zu übertragen, wobei die herausgebende Partei diese tokens („colored coins“) mit einer bestimmten Verbriefung verknüpfen kann, für die sie bürgt. Ein Beispiel wäre ein Unternehmen, das seine Aktien (einschl. Stimmrechten und Eigentumsrechten) als blockchain-tokens ausgibt. Counterparty ist eine Plattform, um jedermann das Ausgeben und handeln mit „colored coins“ zu ermöglichen. Counterparty nutzt die Bitcoin-Blockchain, um diese Dienstleistung zu realisieren. Daneben bietet Counterparty noch weitere Features wie Differenzkontrakte und die Möglichkeit Wetten abzuschließen, jeweils basierend auf den oben angesprochenen „Orakeln“. In einem Satz: Counterparty will den Clearing- und Settlementprozess der Finanzmärkte, wie in meiner Antwort auf Frage (2) beschrieben, durch ein blockchain-basiertes Settlement ersetzen. Das Counterparty Team arbeitet außerdem an einer Integration der von Ethereum entwickelten Skriptsprache um „smart contracts“ mit Hilfe von Counterparty zu realisieren.

Vielen Dank für das Interview! Weitere Informationen zum Thema „Blockchain 2.0″ finden Sie hier: Consensus Analytics
T
itelbild: Jason Benjamin Flickr https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/

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One comment

  1. Bastian erklärt hier sehr gut den Fokus der wichtigsten Blockchain 2.0 Projekte und welches Potential im allgemeinen noch in der Blockchain Technologie steckt.
    Wir stehen noch ganz am Anfang und niemand kann sich heute wirklich ausmahlen wie viele Bereiche aus unserem Alltag in 5, 10, 20 Jahren auf einer Blockchain beruhen werden.